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der lebkuchenmann


Premiere 20. november 2025, Hans Otto Theater
Mit TINA SCHORCHT, AARON FINN SCHULTZ, Jacob Keller, bettina riebesel, fabian raabe, franziska krol
Regie Jennifer J. Whigham
Bühne und Kostüme pascale ARndtz

choreografie annett scholwin

Musik xell

Fotos: THOMAS M. JAUK, PASCALE ARNDTZ

Um Mitternacht herrscht höchste Aufregung: Herr von Kuckuck, der stets pünktlich und laut in seiner Kuckucksuhr die Zeit ausruft, ist heiser! Verzweifelt bittet er Salz und Pfeffer, die die Ablage des Küchenschranks bewohnen, um Hilfe. Denn es besteht die Gefahr, dass „die Großen“ seinem Dasein im Müll ein Ende bereiten. Unerwartet stoßen die drei auf einen frisch gebackenen Lebkuchenmann. Der wird lebendig, entdeckt neugierig die Welt und will für Kuckuck heilsamen Honig besorgen. Doch dafür muss er eine abenteuerliche Reise in die obere Etage unternehmen. Nicht nur, dass er dort einem gefährlichen Teebeutel begegnet und einer ausgehungerten Maus in die Pfoten läuft – es kommt noch schlimmer … Mit Mut, Geschick, Fantasie und der gemeinsamen Kraft alter und neuer Freundinnen und Freunde gelingt schließlich die Rettung – für alle.
Uraufgeführt 1976 in England unter dem Titel „The Gingerbread Man“ erzählt das witzige Stück von der Zauberkraft echter Freundschaft.

 

Potsdams Weihnachtsmärchen findet zurück zu Rhythmus und Leichtigkeit

Wird man nach diesem Vorweihnachtsstück je wieder unbedarft in Lebkuchen beißen? Wer einmal gesehen hat, was für nette, hilfsbereite Kerle das sein können, wird sich hüten. Denn auch dessen kann man sich nach dem diesjährigen Weihnachtsmärchen am Hans Otto Theater nicht mehr sicher sein: Dass all die Pfeffermühlen, Salzstreuer, Kuckucksuhren und Lebkuchen in unserem Umfeld nicht doch leben. Wenn wir gerade nicht hingucken.

Das ist der Fall in „Der Lebkuchenmann“, einem britischen Märchen aus dem 19. Jahrhundert, 1976 von David Wood für die Bühne adaptiert. Als Musical. Für Potsdam in der Regie von Jennifer J. Whigham ein Glücksfall: … das Theater hat in seinem Vorweihnachtsformat zurück zu Rhythmus und Leichtigkeit gefunden. Und auch zur Magie.

Die Geschichte ist einfach. Die Welt, in der sie spielt, vertraut und sehr begrenzt: Die Bühne (Pascale Arndzt) zeigt ein überdimensioniertes Küchenregal, mehr nicht. Und doch steckt in diesen engen Koordinaten alles, was vorweihnachtliche Verzauberung braucht. Neubeginn, Abenteuer, Erlösung. Und viel Musik.

Die ersten Lacher im Saal gibt es schon in den ersten Minuten. Da stößt Jacob Keller als Herr von Kuckuck die schönsten, hingebungsvollsten Kuckucksrufe aus, bis ihm die Stimme versagt. Sein Schwiizerdütsch ist umwerfend, ein Köder für den Spannungsbogen damit gelegt: Wird er seine Stimme wiedererlangen, um nicht auf dem Müll zu landen?

Aber das war nur das Entree. Während Herr Salz (Fabian Raabe) und Frau Pfeffer (Tina Schorcht) ungelenk Abhilfe schaffen wollen, stolpern sie über den frisch gebackenen Lebkuchenmann (Aron Finn Schultz), der noch unter der Küchenrolle liegt. Wie er anfangs wabert und immer wieder den anderen unter den Händen wegfließt, ist eine Freude. Bald hat er Nase, Augen und Mund, und hört gar nicht mehr auf zu reden, tanzen und singen. Der „Leb-, Leb-, Lebkuchenmann“ wird zum Sonnyboy unter den vom Alltag seelisch etwas ermatteten, darstellerisch dafür umso frischeren Küchenutensilien.

Bedroht wird dieses Idyll nur von der gefräßigen Maus Schleck (Franziska Krol) und von der grimmigen Frau Teebeutel (Bettina Riebesel) im obersten Regalfach. Unter deren derber Schale verbirgt sich aber auch nur ein wunder Kern, wie sich herausstellt: Sie kennt alle Kräutergeheimnisse, aber wollte die jemals jemand von ihr wissen? Kein Wunder, dass sie vor Groll dem Lebkuchenmann sagt, was keiner sonst wagt: Er ist zum Verzehr bestimmt.

Hier kommen „die Großen“ ins Spiel, die als monströse Überwesen nur stimmlich (Mascha Schneider, Arne Lenk) ab und an ins Geschehen platzen und die lebendigen Objekte auf der Bühne angstvoll erstarren lassen: die Menschen. „Sie können grausam sein“, sagt Frau Pfeffer fast nebenbei, aber es ist ein Satz, der nachhallt. Was sind wir nur für Wesen, die Unbrauchbares gnadenlos wegschmeißen und Figuren backen, um ihnen dann die Köpfe abzubeißen?

Wer solche nachdenklicheren Zwischentöne hören will, wird auch die finden. Wer sich gruseln will, wird Grusel finden. Wer lachen will, Gelächter. Wer, wie Dutzende Kinder im tobenden Saal am Premierenmorgen, Mitgefühl und Daseinsfreude durch Zwischenrufe feiern will, findet auch dafür Gelegenheit. „Teebeutel!“, rufen sie, als Herr Kuckuck, das wunderbar wehleidige, unterschwellig komödiantische Herz dieses Stücks, Hilfe braucht. „Verschenken!“, als es ums Wegschmeißen geht. Und am Ende: „Zugabe.“ 

Tagesspiegel, Lena Schneider

Endlich Leben in der Bude: „Der Lebkuchenmann” als Kinderstück am Potsdamer Hans-Otto-Theater

Potsdam. Nein, es geht nicht um ein neues Smartphone, nur um einen Mann aus Lebkuchen. Trotzdem ist die Fallhöhe des Stückes so enorm, dass die Kinder noch nicht satt sind nach der einen Stunde Spielzeit. „Zugabe!“ rufen sie. Vielleicht wollen sie nicht unbedingt noch mehr vom Lebkuchen, aber mehr von diesem bunten Drama, das im Potsdamer Hans-Otto-Theater zum Glück eher ungesüßt im großen Haus gespielt wird. Als Weihnachtsstück (Regie: Jennifer J. Whigham).

Auf der Bühne steht ein endlos weiter Küchenschrank (Bühne und Kostüme: Pascale Arndtz), in dem das Leben tobt. So wünscht es sich zumindest Pfeffer, eine exquisite Zutat (gespielt von Tina Schorcht als lebenshungriges Gewürz, mit Pfeffermühlengriff auf ihrer Baskenmütze), und endlich ist tatsächlich etwas los: Dem Kuckuck aus der Kuckucksuhr (Jacob Keller) versagt die Stimme. Er krächzt nur noch.

Wie hilft man ihm? Die Temperamente aus dem Küchenschrank kennen genügend Hausrezepte, doch alle führen sie in sehr verschiedene Richtungen. Salz (von Fabian Raabe im Matrosenanzug gespielt) rät, er möge zur See fahren, raus in die frische Luft. Doch es setzt sich eine Lesart durch, die nicht ganz ungefährlich ist: Teebeutel (Bettina Riebesel, sie spielt ihre Erfahrungen inmitten dieses jungen Ensembles kantig und gemütvoll aus) soll die Sache richten – mit Kräutern aus dem Garten, die sie ihrem Tee beimengt.

Teebeutel ist ein Fall für sich. Sie ist Außenseiterin. Hausdame und Hausherr vergaßen sie, „alle anderen sind längst baden gegangen“, sagt sie. Man muss sie ins Boot holen. Ihren Eigensinn nicht brechen, aber fruchtbar machen. Das gelingt, denn wir reden hier von einem Weihnachtsstück.

Der Lebkuchenmann (Aaron Finn Schultz) ist Integrator, die Maus des Hauses (Franziska Krol) ein Störenfried. Alle dabei. Wie im echten Leben. Nur auf größerer Bühne. Klare Empfehlung für alle Kinder ab sechs. Auch für ihre Eltern.

MAZ, Lars Grothe

 

 

 

 

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